Der Atem einer anderen Welt (Seanan McGuire) – Hat sich im Spiegel etwas bewegt?

Rezensionen / 8. Juni 2020

Andere Welten faszinieren Autor*innen und Leser*innen seit jeher; Welten hinter Spiegeln, in Kleiderschränken oder im Kaninchenbau. Hol tief Luft und reise mit „Der Atem einer anderen Welt“ in andere Welten, die dir sonst verborgen blieben.

Klappentext

Kinder und Jugendliche sind zu allen Zeiten in Kaninchenlöcher gefallen, durch alte Kleiderschränke ins Zauberland vorgestoßen oder auf einer Dampflok in magische Welten gereist. Aber … was geschieht eigentlich mit denen, die zurückkommen?

Mit Nancy, die die Hallen der Toten besucht hat und den Rest ihres Lebens am liebsten still wie eine Statue verbringen würde.

Und mit Christopher, den Jungen mit der Knochenflöte, der die Toten für sich tanzen lassen kann.

Sumi, die das Chaos braucht wie die Luft zum Atmen, weil sie aus einer Unsinnswelt kommt.

Oder Jack & Jill, die mit Vampiren und Wissenschaftlern unter einem blutig-roten Mond aufgewachsen sind.

Als sie sich in »Eleanor Wests Haus für Kinder auf Abwegen« treffen, ahnen sie nicht, dass ihnen ihr größtes Abenteuer noch bevorsteht …

Fakten

  • Autor: Seanan McGuire
  • Verlag: Fischer TOR
  • Genre: Fantasy
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ilse Layer)
  • Seitenzahl: 464

Zum Buch

Ich liebe Geschichten, in denen die Protagonist*innen in andere Welten reisen. Als ich klein war (ungefähr in der zweiten Klasse), schenkte meine Mutter mir die illustrierte Gesamtausgabe von den Chroniken von Narnia. Gott, habe ich dieses Buch geliebt. Jeden Abend hat sie mir daraus vorgelesen oder ich bin selbst in Narnia versunken; bin mit Aslan in den Kampf gezogen und auf der Morgenröte gesegelt.

Ich hatte eine Phase, in der ich Stundenlang vorm Spiegel stand und versucht habe, in jeden Winkel zu sehen. In der Hoffnung, dass er mir irgendwann etwas anderes, als mein Spiegelbild zeigt und ich die Alice in meiner eigenen Geschichte sein kann. Selbst heute noch kann ich an keinem Spiegel vorbeilaufen, ohne mich zu vergewissern, dass die Welt in ihm auch wirklich aussieht wie meine.

Es ist also wenig verwunderlich, dass ein Buch, in dem es ebenfalls um Kinder geht, die in anderen Welten waren, mein Interesse weckt.
Was ich zu Beginn meiner Lektüre nicht wusste, Der Atem einer anderen Welt ist genau genommen ein Sammelband von drei Novellen, die indirekt aufeinander aufbauen. Jede umfasst ca. 150 Seiten und beleuchtet seine eigene Welt.

Der Atem einer anderen Welt (1. Novelle)

Die erste Novelle führt uns in „Eleanor Wests Haus für Kinder auf Abwegen“, ein Internat für besondere Kinder. Besonders deshalb, weil sie in unserer bekannten Welt nicht mehr zurechtkommen. Wie Alice sind sie in einer anderen Welt gewesen, doch unfreiwillig wieder zurückgekehrt. Alles was sie wollen ist zurückkehren, womit ihre Eltern völlig überfordert sind. Sie erkennen ihre Kinder nicht wieder und geben sie in Eleanor Wests Hände.
Das Internat bietet den Kindern einen geschützten Raum, in dem sie sein können, wie sie wirklich sind; Toten still, wie Nancy oder völlig überdreht, wie Sumi. Die Kinder arrangieren sich miteinander und zum Teil auch mit ihrer Situation. Doch eines Tages finden sie eines der Kinder tot auf. Nancy und ihre neuen „Freunde“ gehen der Sache auf den Grund und stoßen auf eine abscheuliche Wahrheit.

Unter einem roten Mond (2. Novelle)

In der zweiten Novelle begleiten wir die Zwillinge Jack und Jill bei ihrer ersten Reise in ihre wahre Heimat. Ihre Welt erinnert stark an eine Mischung aus Dracula und Frankenstein, nicht nur vom Setting, sondern auch in Bezug auf die dortigen Ereignisse. Leser*innen, die ein Problem mit Blut und Horror haben, sollte diese Novelle lieber überspringen.

Süßer Unsinn (3. Novelle)

Die dritte Novelle bringt uns Anfangs zurück in Eleanor Wests Internat, denn eine unerwartete Besucherin erscheint. Doch schließlich reisen wir in eine Welt des Unsinns. Erinnert ihr euch an den verrückten Hutmacher aus Alice im Wunderland? Stellt euch eine Welt vor, in der alle und alles sind wie er.

Fazit

Ich bin immer noch kein Fan von Novellen, aber ich liebe Der Atem einer anderen Welt. Andere Welten faszinieren mich; allein die Vorstellung, eines Tages könnte sich die Tür in eine andere Welt öffnen, löst bei mir Faszination aus. Allen, denen es auch so geht, kann ich diesen Sammelband wärmstens ans Herz legen. Die Novellen sind spannend und fesseln regelrecht bis zur letzten Seite. Schlaf wird beim Lesen dieses Sammelbands definitiv überbewertet.

Auf eine weitere kleine Sache möchte ich gerne noch eingehen: ich empfinde große Liebe für das Cover! Das Zusammenspiel der Farben, der Blick auf das Internat durch die verspielten Gitterstäbe und der kleine blaue Vogel … es ist einfach wunderschön.

Ach, und ganz nebenbei erwähnt: Der Atem einer anderen Welt wurde mit dem Hugo, dem Locus und dem Nebula Award ausgezeichnet. Völlig verdient, wie ich finde.


Rezensionsexemplar wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

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