Jane Austen – Jagd auf das verschollene Manuskript (Kathleen A. Flynn) – Wie ein echter Austen?

Rezensionen / Mittwoch, 6.Juni.2018

Jane Austen – wer kennt sie nicht? Ist nicht jeder von uns schon einmal in „Stolz und Vorurteil“ versunken oder hat sich in die Dunkelheit von „Northanger Abbey“ hinab gewagt? Der Wunsch, die große Jane einmal persönlich kennen zulernen, ist dabei gar nicht abwegig. Kathleen A. Flynn ermöglicht ihren Protagonisten genau dies – Zeitreise sei dank. Glanzloser Abklatsch der Jane-Austen-Romane oder doch spannende, eigenständige Geschichte?

Klappentext

September 1815: Rachel und Liam, zwei Zeitreisende, landen auf einem Feld im ländlichen England. Sie tarnen sich als reiche Unternehmer, kommen aber in Wirklichkeit aus einer technologisch fortgeschrittenen Zukunft. Denn Rachel und Liam haben eine kühne Mission: Sie wollen Jane Austen treffen, sich mit ihr anfreunden und ihr verschollenes Manuskript retten - indem sie es stehlen! Über Austens Lieblingsbruder Henry infiltrieren sie Janes Umfeld und kommen der berühmten Autorin nahe. Doch je tiefer die Freundschaft wird, desto schwerer fällt es Rachel, ihren Auftrag auszuführen.

Fakten

  • Autor: Kathleen A. Flynn
  • Verlag: HarperCollinsGermany
  • Erscheinungsdatum: 02. Mai 2018
  • Sprache: Deutsch
  • Seitenzahl: 400

Zum Buch

Bevor ich mich genauer zum Buch äußere, ein kleiner Hinweis zur Genreeinteilung: Der Roman wird bei HarperCollins als „Gegenwartsliteratur“ gelistet, dabei ist die Handlung des Romans durchaus der Phantastik zuzuschreiben. Die Protagonisten machen eine Zeitreise ins Jahr 1815 und wieder zurück – klingt ziemlich nach Science-Fiction, oder? Abgesehen von dieser Zeitreise, spielt der Roman jedoch hauptsächlich in der Zeit von Jane Austen. Mit seiner Handlung ist er somit eindeutig nicht spacig genug, um als Science-Fiction durchzugehen.
Eine passende Genreeinteilung zu finden stellt Verlage immer wieder vor neue Herausforderungen. Hinzukommt, dass sich „Phantastik“ lange Zeit nicht verkauft hat. Auch heute noch ist es kein geläufiges Genre und wird häufig mit „Fantasy“ gleichgesetzt. Dabei ist Phantastik so viel mehr … Doch dazu vielleicht mal an anderer Stelle mehr. Dieser Roman enthält jedoch eindeutig phantastische Züge, und seien sie noch so beiläufig, so dass das Beiwort „Phantastische Literatur“ durchaus möglich und richtig wäre.

Selbst in der fernen Zukunft fasziniert Jane Austen die Menschheit. Insbesondere Eva Farmer, die Leiterin der Forschungsabteilung des Royal Institute for Special Topics in Physics, ist von ihr gerade zu besessen. Als ein Brief von Jane an ihre Schwester Cassandra gefunden wird, in dem von einem zerstörten Manuskript die Rede ist, wird kurzer Hand eine Expedition durch die Zeit auf die Beine gestellt. Rachel und Liam sollen ins Jahr 1815 reisen, sich mit Jane Austen anfreunden und das verschollene Manuskript zurück in die Zukunft bringen. Ohne die Vergangenheit zu verändern, selbstverständlich. Rachel kann ihr Glück kaum fassen, dass sie für die Mission ausgewählt wurde. Sie ist großer Jane Austen-Fan und vergöttert die Regency-Schriftstellerin gerade zu.

Der erste Eindruck, den Liam und Rachel vom Jahr 1815 erhalten, ist keineswegs positiv. Die Angst, als Verräter entlarvt zu werden oder die Zeit zu verändern, ist ihr ständiger Begleiter. Doch sie finden sich schneller zurecht als gedacht. Hinzukommt, dass Janes Lieblingsbruder Henry nahezu vernarrt in Rachel ist. So werden Rachel und Liam schnell ein Teil von Janes Leben. Doch umso weiter die Zeit voranschreitet, desto schwerer fällt es ihnen, ihre Aufgabe zu erfüllen. Die Tatsache, dass sich Rachel und Liam immer stärker zueinander hingezogen fühlen, erleichtert ihre Aufgabe keineswegs.

Die Geschichte beginnt ohne Umschweife und irgendwelche Beschreibungen der Umgebung oder der Charaktere. Als Leser wird man durch diesen aktiven Einstieg direkt in die Geschichte hineingesaugt. Die Tatsache, dass keine Einführung in die aktuelle Situation der Protagonistin erfolgt, sorgt für eine prickelnde Ungewissheit, die die Neugier auf das Buch steigert.

Die ersten zwei Drittel des Romans hat man als Leser durchaus das Gefühl, einen Jane-Austen-Roman zu lesen. Die Beschreibung der Epoche, die Darstellung der Charaktere und insbesondere die Sprache harmonieren und ergeben ein durchweg stimmiges Bild. Die zeitlichen Abläufe wirken schlüssig und weder unnötig in die Länge gezogen, noch gehetzt. Gegen Ende des Romans ändert sich dies jedoch. Zurück in der Zukunft wirkt die Handlung stark gerafft – beinahe, als müsse die Autorin ein gesetztes Zeichenlimit einhalten. Das wirkliche Ende kommt sogar so abrupt, dass ich mehrfach hin und her blättern musste, weil ich mir nicht sicher war, ob ich nicht ein paar Seiten übersehen habe.

Von diesem Manko einmal abgesehen, erschafft die Autorin eine spannende und in sich stimmige Geschichte. Insbesondere Jane-Austen-Fans werden sich in die zum Teil witzigen, zum Teil spitzen Dialoge und die einzelnen Charaktere verlieben. Als Leser bekommt man das Gefühl, die Autorin sei selbst großer Austen-Fan. Gerade dieses Gefühl hat meine Freude beim Lesen sogar noch vergrößert.

Die Autorin und ihr Schreibstil

Umso erfreulicher, dass dieses Gefühl zutreffend ist. Die Autorin Kathleen A. Flynn ist Mitglied auf Lebenszeit in der Jane Austen Society of North America. Die New York Times Redakteurin lebt zusammen mit ihrem Mann und Hund in Brooklyn. Auf der englischsprachigen Seite bookculture gibt es ein Interview mit der Autorin über ihre Motivation diesen Roman zu schreiben.

Kathleen A. Flynns Schreibstil ist ein Genuss. Bereits beim ersten Satz wird deutlich, dass sie mit dem Schreiben ihr Geld verdient – nicht nur als Roman-Autorin. Viele Debütromane besitzen eine gewisse Holprigkeit und Unsicherheit – nicht so The Jane Austen Project, wie der Roman im Original heißt. Flynn schreibt kurze Sätze und lässt oft ihre Charaktere selbst zu Wort kommen. Beschreibungen einer Situation oder einer Umgebung erfolgen stets durch Gedankengänge der Protagonistin. Der gesamte Roman ist eine Ich-Erzählung der Protagonistin Rachel.

Fazit

Jane Austen – Jagd auf das verschollene Manuskript beginnt wirklich gut. Die Sprache, das Setting, die Charaktere, alles fügt sich wunderbar ineinander. Die Darstellung von Jane und ihrer Familie scheint so realistisch und die Sprache der Charaktere ist so perfekt der Zeit angepasst, dass ich das Gefühl hatte, einen neuen Jane-Austen-Roman zu lesen. Besonders gut gefiel mir das gemäßigte Erzähltempo, das mich noch tiefer in die Geschichte eintauchen ließ. Jedoch wird das Erzähltempo nach etwa zwei Drittel des Romans immer schneller. Die letzten 20 Seiten sind sogar so stark gerafft, dass beinahe der gesamte vorherige Eindruck des Romans zunichte gemacht wird. Die Raffung des Erzähltempos hat mich regelrecht aus der Geschichte hinausgeworfen. Doch nicht nur das Erzähltempo nimmt zu, auch die Charaktere durchleben plötzliche Meinungsänderungen, die mich die letzten zwei Seiten gleich dreimal lesen ließen, da ich sicher war, etwas überblättert zu haben. Vorbei mit stimmigen Charakterentwicklungen.

War ich mir zu Anfang sicher, einen fünf-Bücher-Roman zu lesen, so ist er aus den genannten Gründen nun doch Mittelmaß. Dennoch ist Jane Austen – Jagd auf das verschollene Manuskript in meinen Augen eine Empfehlung für alle Austen-Fans, die Lust auf ein paar entspannte, zum Teil nostalgische Stunden Lesevergnügen haben.


Rezensionsexemplar wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

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